Die Lieblingsheldinnen kleiner Mädchen ähneln längst nicht mehr denen ihrer Mütter. Frag ein fünfjähriges Mädchen nach seiner Lieblingsfigur. Du wirst selten eine Prinzessin hören, die auf Rettung wartet. Viel häufiger bekommst du eine Entdeckerin, eine Tierärztin, eine Heldin, die einfach loslegt.
Diese Verschiebung lohnt einen genaueren Blick, denn sie sagt etwas Konkretes darüber aus, wie ein Kind sich entwickelt.
Warum die Identifikation mit der Heldin so wichtig ist
Albert Bandura zeigte schon in den sechziger Jahren, dass Kinder in hohem Maße durch Beobachtung von Vorbildern lernen. Sie kopieren dabei nicht nur Bewegungen: Sie übernehmen Haltungen und Reaktionsweisen im Umgang mit Hindernissen. Fiktionale Figuren wirken dabei wie echte Vorbilder.
Ganz konkret: Ein Mädchen, das eine Heldin verfolgt, die ihr Problem selbst löst, nimmt etwas anderes mit als ein Mädchen, das eine Heldin sieht, die gerettet wird. Das bestimmt natürlich nicht die Persönlichkeit. Doch die Wiederholung solcher Geschichten prägt eine innere Vorstellungswelt, in die sich das Kind hineinversetzt.
Ein oft übersehener Punkt: Identifikation braucht keine körperliche Ähnlichkeit. Ein kleines Mädchen identifiziert sich problemlos mit einem Fuchs, einem Roboter oder einem Jungen. Leichter fällt ihr die Identifikation allerdings, wenn die Figur handelt, statt nur zu erleiden.

Was Prinzessinnen heute wirklich erzählen
Die Prinzessin bleibt bei den Vorlieben von Kindern nach wie vor sehr präsent, und das ist an sich kein Problem. Doch die Figur hat sich stark gewandelt. Die Heldinnen des letzten Jahrzehnts entscheiden, brechen auf, lehnen ab, irren sich, reparieren.
Was Erwachsene als "schon wieder eine Prinzessinnengeschichte" abtun, verbirgt also manchmal eine Geschichte der Selbstbefreiung. Kurz gesagt: Das Kostüm täuscht. Ein rosa Verkleidungskleid kann eine Heldin umhüllen, die allein ein Königreich durchquert und die Lage gelöst zurückkehrt.
Ein Vorbehalt bleibt allerdings bestehen. Manche kommerziellen Ableger behalten das Kleid, streichen aber die Handlung. Dann wird die Figur eher zur Dekoration als zum Vorbild. Die Unterscheidung muss also Geschichte für Geschichte erfolgen, nicht pauschal nach Kategorie.
Die Lieblingsheldinnen kleiner Mädchen nach Alter
Zwischen zwei und vier Jahren wählen sie Figuren, die ihrem Alltag nahestehen: vertraute Tiere, gleichaltrige Kinder, Elternfiguren. Die Nähe zu ihrem eigenen Leben zählt mehr als das Abenteuer.
Zwischen vier und sechs Jahren beginnt das Alter der Verkleidung. Jetzt wollen sie selbst in die Rolle schlüpfen: das Kostüm, der Umhang, die Krone, das Stethoskop. So kann dasselbe Kind montags Tierärztin und donnerstags Entdeckerin sein, ohne darin einen Widerspruch zu sehen.
Nach sieben Jahren verschiebt sich das Kriterium. Sie suchen jetzt kompetente Heldinnen, die etwas Konkretes können. Serien- und Comicfiguren setzen sich dadurch gegenüber klassischen Märchenfiguren durch.
Wenn ein kleines Mädchen einen männlichen Helden bevorzugt
Viele Eltern machen sich hier unnötig Sorgen. Ein Kind, das sich für einen männlichen Helden entscheidet, wählt in der Regel eine Geschichte, kein Geschlecht. Actiongeschichten wurden lange vor allem für Jungen geschrieben, deshalb neigt sich das Angebot noch immer in diese Richtung.
Umgekehrt gilt genau dieselbe Gelassenheit. Ein Junge, der eine Heldin liebt, tut nichts Ungewöhnliches – und ihn darauf hinzuweisen, bringt ihm nur bei, dass er das verstecken sollte. Kurz gesagt: Der Kommentar von Erwachsenen schafft das Problem viel häufiger als die Wahl des Kindes selbst.

Was Erwachsene tun können, ohne zu drängen
Die wirksamste Methode besteht nicht darin, eine Figur zu verbieten. Sie besteht darin, das zu Hause verfügbare Angebot zu erweitern. Konkret: Eine Bücherwelt, in der Heldinnen nebeneinander existieren, die basteln, entdecken, führen und zweifeln, wirkt ganz von selbst.
Zweiter, subtilerer Ansatz: das Handeln kommentieren statt das Aussehen. "Das war mutig von ihr" öffnet etwas anderes als "Sie ist hübsch". Das Kind behält nämlich das, was der Erwachsene hervorhebt, oft stärker in Erinnerung als das, was die Geschichte selbst erzählt.
Dritter und direktester Ansatz von allen: das Kind selbst ins Zentrum einer Geschichte stellen. Du kannst die Geschichte erschaffen, in der deine Tochter zur Heldin wird, mit ihrem Namen und ihrem Gesicht. Dann muss sie sich nicht mehr zwischen vorgegebenen Vorbildern entscheiden.
Was diese Wahl über dein Kind nicht aussagt
Eine Begeisterung für eine Figur sagt weder etwas über den Charakter noch über die Zukunft aus. Die Vorlieben ändern sich in diesem Alter dreimal im Jahr, und die Obsession vom März ist im Oktober schon wieder verschwunden. Also besser nicht zu schnell interpretieren.
Um zu verstehen, warum Kinder sich so sehr an ihre Figuren binden, erklärt Naître et Grandir diese Bindung an Buchfiguren. Banduras Arbeiten zum sozialen Lernen bleiben dabei die zentrale Referenz zur Rolle von Vorbildern.
Sie wird ihre Heldin bis zum zehnten Geburtstag noch viermal wechseln. Was bleiben wird, ist die Idee, dass ein Mädchen in einer Geschichte selbst entscheiden kann, wie es weitergeht.
